· 

Hallo Amerika, tschüss Deutschland

Lange Zeit habe ich verdrängt, dass ich jetzt ein halbes Jahr im Ausland bin. Ich habe die Flüge und ein Hostel in New York gebucht, ein Zimmer in Pittsburgh gesucht – aber real war das in meinem Kopf trotzdem nicht. Es war, als würde ich einen Urlaub planen. Als würde ich nach zwei Wochen wieder zurück nach Hause fliegen, allen von meinem tollen Urlaub erzählen und weiter studieren wie bisher. Nur wird das nicht passieren.

 

Das wurde mir letzte Woche klar. Am Flughafen in Deutschland fühlte ich mich wie in einen Wattebausch gepackt. Als käme es gar nicht richtig bei mir an, was gerade passiert. Klar spürte ich Abschiedsschmerz, als ich mich vor der Sicherheitskontrolle von Matze verabschieden musste. Richtig real kam mir die Situation allerdings erst in New York vor. Der Flug verlief ruhig, war für mich beinahe wie eine Zugfahrt, da ich nicht am Fenster saß und es so nicht mitbekam, dass ich durch die Luft flog statt über Schienen ratterte. Im verregneten Newark angekommen, wollte ich einfach nur in ein Bett fallen. Die amerikanischen Behörden hielten mich zwar eine ganze Weile auf, aber es war eindeutig unkomplizierter als gedacht. Keiner fragte mich, ob ich ein Attentat plane oder eine Terroristin sei. Ich weiß auch nicht, was alle anderen immer damit haben … Dafür hat der amerikanische Staat jetzt meine Fingerabdrücke und Pupillen gespeichert – nicht gerade beruhigend!

 

In der Metrostation in der Nähe des Hostels sammelte mich eine Israelin ein, die im selben Hostel wohnte und mich für den nächsten Abend nach Downtown einlud. Ich war freudig überrascht, gleich jemanden kennen gelernt zu haben. In dem Moment konnte ich ja auch nicht wissen, dass sie sich nie wieder bei mir melden würde ... Ich fühlte mich also erstmal wohl und angekommen.

Am nächsten Tag ging es gleich los durch den Central Park ins Metropolitan Museum of Arts. Gerade als ich das Museum betrat, fing es an zu regnen.

 

Ich dachte: „Super Timing! Gut gemacht, Paula!“, und war richtig zufrieden mit mir und dem Wettergott.

 

Tausende Vasen, Gemälde, Möbel und Skulpturen später – absolutes Highlight: die Musikinstrumenten-Sammlung mit einem Stradivari-Cello! – regnete es immer noch. In Strömen. Natürlich hatte ich weder Regenjacke noch -schirm dabei, sonst hätte es schließlich auch nicht geregnet! Also begab ich mich in die absolut hässliche, obertouristische Cafeteria des Met, kramte mein Buch hervor und versuchte, mir die Zeit zu vertreiben. Mit fortschreitender Zeit wurde das immer schwieriger. Eingesperrt vom mittlerweile ausgewachsenen Gewitter fühlte ich mich einsam und verlassen in diesem riesigen Museum. Auf einmal wurde mir schlagartig klar, dass ich jetzt noch viele Tage in New York allein sein würde. Und wie es danach in Pittsburgh laufen würde, wusste ich auch noch nicht. In einem Anflug erster Schwäche wollte ich nur noch heim: nach Deutschland. Ich stiefelte zum Hostel zurück, um mich mit Telefonaten etwas abzulenken, Aufmunterung von Matze inklusive. Aber als sich die Israelin dann nicht meldete, war der Abend für mich gelaufen …

 

In den nächsten Tagen kehrten diese schlagartigen Gefühle der Einsamkeit immer wieder, besonders nachmittags, wenn ich alles erledigt hatte was ich machen wollte und noch so viel Tag vor mir lag. Telefonate in die Heimat halfen sehr, aber so richtig wohl fühlte ich mich nicht. Schweren Herzens beschloss ich, den New York-Urlaub vier Tage früher abzubrechen als geplant. Ich hatte fast alles gesehen, was ich sehen wollte und das Wetter sollte schlechter werden. Ich hatte Angst, später nichts mit mir anfangen zu können. Gleichzeitig war ich sauer auf mich selbst. Denn ich hatte diesen Urlaub unbedingt gewollt, wollte so lange wie möglich in New York sein, meinen ersten Urlaub alleine machen, den einfach nur genießen und alle neidisch machen. Hat ja prima geklappt! Nicht, dass ich New York nicht genossen hätte, im Gegenteil. Ich bin beeindruckt und fasziniert von dieser Stadt, die so hoch, groß, bunt und vielseitig ist. Ich habe viel gesehen, habe die Ausblicke auf die Skyline genossen, den Nachmittag am Strand, die Spaziergänge durch die Stadtviertel. Meistens habe ich mir selbst völlig genügt. Aber eben nicht immer. Und erst recht nicht, wenn ich bei schlechtem Wetter nicht weiß, was ich tun soll, denn Museen will ich mir ja auch keine drei Tage lang anschauen. Und sich alleine in ein Café setzen ist entspannend, beruhigend und schön, aber irgendwann auch langweilig. In den letzten Tagen habe ich dann zwar im Hostel noch einige nette Abende mit Mithostelern verbracht, aber meine Zeit war gekommen, diese Stadt wieder zu verlassen und zu meinem nächsten Abenteuer aufzubrechen: Pittsburgh, ich komme!