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Warum ich mich hier schon wie zuhause fühle

Zeitempfinden ist wirklich ein komisches Konstrukt. Einerseits kann ich es kaum glauben, dass ich schon zwei Wochen hier in Pittsburgh bin. Ich bin doch gerade erst angekommen und habe noch gar nicht viel gemacht, weder auf Arbeit noch in meiner Freizeit. Die ist sowieso überraschend kurz geworden, jetzt, wo ich acht Stunden am Tag arbeite! Wobei das nicht mal stimmt, es sind nur sieben. Fühlen sich aber manchmal an wie zehn, vor allem wenn ich mal wieder nicht genug zu tun habe und nur warte, bis die Zeit vergeht. Jedenfalls wird mir der Luxus eines Studiums mit frei einteilbarer Zeit und wenig festen Terminen immer bewusster.

 

Aber obwohl ich dieses Gefühl habe, gerade erst angekommen zu sein, fühle ich mich andererseits schon erstaunlich zuhause hier. Natürlich gibt es auch Stunden, in denen ich mich gar nicht zuhause fühle, noch gar nicht richtig angekommen und integriert, logisch. Dennoch fühle ich mich die meiste Zeit sehr gut aufgehoben hier, glücklich und zufrieden. Zuhause eben.

 

Und das liegt daran:

Ganz klar muss ich hier als erstes Jalla nennen, den Hund des Ehepaares, bei dem ich für Oktober untergekommen bin. Jalla ist ein mittelgroßer, flauschiger Hund, irgendeine Mischung aus Golden Retriever und was ganz, ganz Flauschigem. Treu und lieb, immer zum Schmusen aufgelegt und die erste, die mich begrüßt, wenn ich heim komme. Wer kann sich mit so einem Hund nicht zuhause fühlen?

Untergekommen bin ich für den ersten Monat bei einem Fagottisten des Orchesters und seiner Frau. Sehr nette Leute, manchmal etwas seltsam, aber wer ist das nicht. Ich habe hier eine ganze Etage für mich, zwei Zimmer und ein Bad. Das zweite Zimmer nutze ich eigentlich gar nicht, ich bin es zu wenig gewohnt, mehr als ein Zimmer zu haben. Ich wüsste gar nicht, was ich dort machen sollte …
Die Küche nutzen wir gemeinsam. Mit dem Gasherd dort habe ich mich noch nicht so ganz angefreundet, der funktioniert nicht immer und dann muss man das Gas an den Kochplatten mit einem Streichholz anzünden, das funktioniert aber ganz selten auch nicht, verbrennt mir nur die Finger. Aber das lerne ich bestimmt noch … Hoffentlich!
Eine Lösung auf Dauer ist das hier aber nicht, ich will die Gastfreundschaft nicht fünf Monate überstrapazieren und das Haus ist schon sehr weit weg von meinem Arbeitsplatz, zumindest mit öffentlichen Verkehrsmitteln - aber das ist ein anderes Thema.

 

Und auch wenn ich eine halbe Stunde laufen muss, weiß ich mittlerweile, wo ich einkaufen gehen kann. Und zwar nicht in einem riesigen typisch amerikanischen Supermarkt, in dem man kein richtiges Brot findet und an der Kasse mit Plastiktüten überhäuft wird. Sondern in einem Bioladen, der zwar immer noch super viel Auswahl hat, aber auch da kenne ich mich langsam aus. Vor allem vor dem Kühlregal stand ich bei meinem ersten Einkauf eine halbe Ewigkeit. Milch ohne Fett, mit Fett, mit wenig Fett, half-half –  dabei wollte ich doch einfach nur normale Milch für ein Müsli …

 

Gestern wurde ich auf dem Heimweg vom Einkaufen von einem warmen Sommer-Platzregen überrascht. Anfangs war ich super glücklich, hab mich über den Regen gefreut, der sich bei den 30°C hier wenigstens ein bisschen wie Abkühlung anfühlt. Aber ziemlich schnell war der Himmel ziemlich dunkel und es schüttete aus Eimern, als wolle es niemals wieder aufhören. Ich stellte mich kurz unter und wurde auf den letzten Metern nach Hause von der Sonne wieder fast vollständig getrocknet. Durch das Sommerwetter hier fühle ich mich jedenfalls gleich noch wohler, ich Frostbeule friere ja sonst ständig.

 

Deswegen bin ich auch froh, dass im Büro die Klimaanlage nicht zu kalt ist. Im Konzertsaal sieht das schon wieder anders aus, neulich saß ich im Konzert mit Fließ und Schal … Meine Arbeit ist sowieso das Allerbeste hier, dafür bin ich schließlich auch hergekommen. Auch wenn ich mich noch ganz schön viel langweile, bin ich mehr als zufrieden! Die Kollegen sind wie bereits erwähnt wahnsinnig nett, machen einem das Einleben wirklich einfach und helfen wo sie können. Angenehm für mich ist auch, dass der COO und der Chefdirigent deutsch sprechen. Obwohl ich gut englisch kann, geht mir deutsch natürlich noch viel leichter von den Lippen. Auch wenn ich mich manchmal unwohl damit fühle, andere Kollegen dadurch auszugrenzen.

 

Ein weiterer Pluspunkt meines Arbeitsplatzes: Das Gebäude ist wunderschön!!


Aber viel wichtiger: Das, was in diesem Gebäude passiert. Das, was mich dem Gefühl, zuhause zu sein, am nächsten bringt: Musik!
Das Pittsburgh Symphony Orchestra ist vielleicht nicht das beste Orchester, das ich je gehört habe, aber definitiv sehr gut. Dieses Wochenende standen unter anderem die Symphonie Nr. 1 „Jeremiah“ von Bernstein und die Feuervogel-Suite von Stravinsky auf dem Programm, zwei wirklich tolle Werke! Vielseitig, gefühlvoll, energiegeladen. Wenn man hinter der Bühne – am besten direkt neben den Blechbläsern – steht, nur durch eine dünne Holzwand von der Bühne getrennt, spürt man nur noch Musik.
Genau da fühle ich mich zuhause.

 

Kommentare: 3
  • #3

    Rainer (Dienstag, 06 November 2018 09:31)

    GROSSARTIG.Ich habe beste Erinnerungen an Pittsburg und New York.Dein Blog ist sehr schön aufgebaut und informativ.Das werden unvergessliche Monate für Dich mit wertvollen Verbindungen für das ganze Leben.
    Weiterhin alles Gute und liebe Grüsse über den Teich.
    Anne ist mit Team in Nepal und ich liege leider im Krankenhaus.Es kam zwei Tage vor dem Abflug....So ist das Leben.

  • #2

    old father (Dienstag, 09 Oktober 2018 19:54)

    Liebe Paula,
    es ist mir eine Freude, Deinen Blog zu lesen. Mach weiter so. Später wird er mal wichtige Erinnerung sein.
    Lieben Gruß
    Opa

  • #1

    Thomas (Dienstag, 09 Oktober 2018 08:31)

    Hallo Paula,
    super, dass Du Dich so schnell eingelebt hast.
    Ich bin schon sehr gespannt, auf Deine weiteren Blogeinträge.
    Grüße
    Thomas