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Der Presque Isle State Park am Lake Erie

Warum es sich lohnt, mutig zu sein

Letztes Wochenende wollte ich eigentlich zu den Niagara Fällen. Auf der Karte sah das nicht allzu weit aus und Google Maps zeigte mir 3,5 Stunden für eine Strecke mit dem Auto an. Wäre als Tagestrip zwar weit, aber durchaus möglich. Und die Niagara Fälle – das ist schon ein absolutes MUSS! Davon träume ich seit fast einem Jahr, als klar war, dass ich das Praktikum in Pittsburgh mache.

 

Am Abend davor hat mich allerdings Panik ergriffen. Ich konnte die Ursache nicht richtig lokalisieren, aber ich hatte auf einmal Angst vor dem Ausflug. Ist es doch zu weit? Ich bin noch nie so lange alleine Auto gefahren. Schon gar nicht in Amerika, vielleicht fährt es sich hier ganz anders als in Deutschland? Und will ich überhaupt wirklich zu diesen Wasserfällen? Ich bin ganz ehrlich, ich war ein Häufchen Elend an dem Abend.

 

Aber wie so oft hatte ich liebe Menschen zur Seite, die mir da raus geholfen haben. Erstmal meine Mutter, die mir geraten hat, beim ersten Roadtrip vielleicht ein näher gelegenes Ziel zu wählen. Schließlich sei es keine Schande, sich umzuentscheiden, die Niagara Fälle würden mir schon nicht weglaufen. Natürlich hatte sie Recht, aber so richtig auf den Punkt brachte es kurze Zeit später mein Freund. Er stellte fest, was mein wahres Dilemma war: Ich wollte unbedingt zu den Niagara Fällen! Die Länge der Autofahrt war weniger mein Problem als der leere Beifahrersitz. Ich wollte nicht alleine dorthin. Ich kenne hier noch nicht so viele Leute, und die, die ich kenne, hatten keine Zeit mitzukommen.

 

Aber ich spürte, dass ich raus musste aus der Stadt, dass ich neuen Input brauchte. Also entschloss ich mich, auf jeden Fall zu fahren. Lake Erie liegt auf der Hälfte der Strecke zu den Niagara Fällen, das legte ich mir als Backup-Ziel zurecht. Falls ich auf der Straße merken sollte, dass es mir wirklich zu weit ist.

 

Und oh boy, ihr wisst gar nicht, wie gut das getan hat!

Endlich mal raus aus der Stadt, rein ins Abenteuer. Selbstständig unterwegs zu sein, ohne sich über den katastrophalen öffentlichen Personennahverkehr aufregen zu müssen … das ließ mich die überall erzählte Freiheit amerikanischer Roadtrips nachempfinden. Klar fühlt man sich hier nur im Auto frei, bei dem ÖPNV kann man ja nur wahnsinnig werden! Aber im Auto, da war ich plötzlich sehr schnell aus der Stadt draußen. Und im Gegensatz zum vollgebauten Deutschland folgten darauf zwei Stunden absoluter Natur. Zwischen Pittsburgh und Lake Erie befindet sich keine größere Stadt. Stattdessen hatte ich die schönsten Blicke auf sich gerade verfärbende Blätter. In etwa zwei Wochen dürften die Farben noch bunter und bezaubernder sein. Ich jedenfalls war auch von dem bisschen Bunt sehr begeistert!

 

Kurz vor Erie beschloss ich, die Niagara Fälle Niagara Fälle sein zu lassen und fuhr zum See. Genauer gesagt zur Halbinsel, auf der sich ein wunderschöner Park befindet. Dass ich in Erie strandete, war bloßer Zufall, da es auf dem Weg zu den Niagara Fällen liegt. Aber was für ein schönes Ziel ich mir da ausgesucht hatte! Die Stadt habe ich mir gar nicht erst angesehen, sondern bin gleich in den Presque Isle State Park.

 

Anfangs dachte ich, ich könnte das Auto abstellen und einmal einen großen Spaziergang über die ganze Halbinsel machen. Weit gefehlt! Die Dimensionen in den USA unterscheiden sich eben doch sehr von denen in Deutschland. Die Presque Isle ist mit dem Auto befahrbar, denn sonst würde man nie zum hintersten Zipfel kommen, das wäre ein viel zu weiter Weg. Ich wollte dennoch wenigstens einen kleinen Teil der Insel zu Fuß erkunden und bin losgestapft.

 

Strand am Lake Erie, auf Presque Isle
Lake Erie

Nein, das ist nicht das Meer! Sieht zwar aus wie eins, ist aber Lake Erie. Ein riesengroßer See! Zum Schwimmen war es leider viel zu kalt, bei knapp 10°C lief ich dick eingemummelt in warmem Pullover und Schal durch die Gegend. Aber um den Kopf frei zu kriegen war es geradezu perfekt. Ich lief eine Weile am Strand entlang und nahm für den Rückweg zum Auto den Fahrradweg in Ermangelung eines Weges für Spaziergänger. Es war ein bisschen schade, dass ich teilweise an der Straße entlanglaufen musste, aber ab und zu bog der Fahrradweg ab in den Wald, wo wieder Ruhe herrschte und ich meinen Ausflug sehr genießen konnte!

 

Den Rest der Insel fuhr ich noch kurz mit dem Auto ab, und fand dabei diese Häuser:

 

schwimmendes weißes Holzhaus im Hufeisenteich auf Lake Erie.
schwimmendes Haus im Presque Isle State Park

Wohnen auf einem See, das stelle ich mir wirklich schön vor, auch wenn es etwas ab vom Schuss ist.

 

Auf dem Rückweg nach Pittsburgh hab ich dann endlich mein Handy per Bluetooth mit dem Auto verbinden können – ja, ich weiß, ich bin halt etwas unintuitiv bei diesen technischen Dingen. Mit meiner Musik im Ohr verging die Fahrt wie im Flug. Dieses Freiheits- und Glücksgefühl hätte ich gern in ein Marmeladenglas gepackt und mitgenommen. Für Stunden, wenn mich wieder die Angst vor dem Alleinsein packt.

 

Denn ich bin so froh, dass ich mich getraut habe, den Roadtrip alleine zu machen. Trotz all der Ängste am Abend davor. Ich hatte einen sehr entspannten, erholenden und glücklichen Tag. Die Stadt zu verlassen war eine gute Idee gewesen, von diesem Ausflug werde ich noch lange zehren können. Denn er hat mir gezeigt, dass ich sehr gut alleine zurecht komme. Natürlich wünsche ich mir mehr Freunde hier und werde weiterhin versuchen, viele Menschen kennen zu lernen. Aber man braucht nicht immer Andere, um glücklich zu sein. So konnte ich alleine entscheiden, wohin ich fahre, wie lange ich dort bleibe und was ich dort mache. Ich konnte in Ruhe meinen Gedanken nachhängen und im Auto laut mitsingen. Und ich habe mich kein Stück allein gefühlt dabei.

 

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