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Künstlermanagement - was ist das?

Schild mit der Aufschrift "Guest Artist", an der Tür zur Garderobe für einen Gastkünstler beim Pittsburgh Symphony Orchestra

“Was studierst du?”

“Musikwissenschaft.”

“Aha … (lange Pause) … und was macht man damit später mal?”

“Unterschiedlich, im Prinzip kann man alles machen, was irgendwie mit Musik zu tun hat. Ich finde Dramaturgie oder Künstlermanagement ganz cool.”

“Aha … klingt ja … interessant …”

So oder so ähnlich – schon oft geführte Gespräche. Die meisten haben keine Ahnung, wovon ich spreche. Deshalb möchte ich heute endlich mal wenigstens eins davon genauer erklären. Und zwar das, was ich hier im Praktikum die ganze Zeit tue. Künstlermanagement. Artistic Planning.

Was in der Vorbereitungsphase eines Konzerts zu tun ist, könnt ihr hier nachlesen. Heute geht es um folgendes:

 

Die Konzertwoche

Konzerte finden beim Pittsburgh Symphony Orchestra meist freitags und sonntags statt, ab und zu auch samstags. Proben beginnen am Dienstag oder Mittwoch, vormittags und nachmittags jeweils 2,5h. Für ein Konzertprogramm sind fast immer ein Dirigent und ein Solist von uns zu betreuen, nur selten sind es mehr Solisten oder auch gar keine Solisten. Meine Kollegen im Künstlermanagement teilen sich die Dirigenten und Solisten meist so untereinander auf, dass einer für den Dirigenten, der andere für den/die Solisten in einer Woche zuständig ist. So ist – im Idealfall, also wenn der Generalmusikdirektor nicht da ist ;) – keiner total am rotieren, sondern die Arbeit gut aufgeteilt. Die letzten Monate konnte ich dann ab und zu einen Solisten oder Dirigenten übernehmen.

 

Kurz bevor der Künstler in Pittsburgh landet, bringe ich eine Mappe mit wichtigen Infos für ihn ins Hotel rüber. Vom Taxiunternehmen, das als unser Flughafen-Shuttle fungiert, kam hoffentlich bis dahin eine Bestätigung der gebuchten Fahrten. Wenn nicht, muss ich nochmal nachfragen. Und gleichzeitig den Flug des Künstlers tracken. Nicht, dass da noch kurz vor knapp was schief geht!

 

Ist der Künstler in Pittsburgh gelandet, rufe ich kurz im Hotel an, ob er gut angekommen ist und irgendetwas braucht. Neulich durfte ich einen deutschen Dirigenten selbstständig betreuen, er war ganz erfreut und überrascht, am Telefon plötzlich Deutsch zu hören. War für mich dadurch natürlich einfacher, trotzdem saß ich vor diesem Telefonat vor Aufregung zitternd auf dem Bett, da ich das erste Mal alleine für einen Künstler verantwortlich war und dieses Telefonat für mich das erste dieser Art.

 

Vor der ersten Probe hole ich den Künstler – falls erwünscht – am Hotel ab, um ihm den Weg zur Heinz Hall zu zeigen. Ist zum Glück nur einmal um den Block. Dort ist die jeweilige Garderobe schon vorbereitet mit frischen Handtüchern, Taschentüchern, Tee (für den Dirigenten sogar Kaffee), Wasser und Snacks.

 

Dann wird ein bisschen rumgehangen bis die Probe losgeht. Währenddessen hält der Dirigent mit CEO und COO des Pittsburgh Symphony Orchestras ein Schwätzchen, spricht sich kurz mit dem Associate Conductor ab (dieser begleitet alle Proben und kann notfalls einspringen falls der Dirigent plötzlich ausfällt – was wohl so gut wie nie vorkommt), und wenn das Orchester stimmt, klopfe ich kurz an die Garderobe, und der Dirigent begibt sich nach einem kurzen Schlagabtausch mit Bühnenarbeiter John (“Ready when you are, maestro.”) auf die Bühne.

 

Danach geht’s erstmal zurück ins Büro, einmal quer durch die Heinz Hall. Wäre wirklich geschickter, wenn die Büros näher am Backstage-Bereich wären … Im Büro hängt ein Fernseher an der Wand, der das Geschehen auf der Bühne überträgt. Etwas Musik neben der Arbeit, da geht doch alles gleich viel leichter und schneller! Mit halben Ohr höre ich zu, damit ich den Anfang der Pause nicht verpasse. Dann schnell wieder backstage, eventuell Kaffee kochen, kleines Schwätzchen halten, Kartenreservierungen für die Konzerte entgegennehmen, Empfehlungen fürs Mittagessen aussprechen, Musiker und Gäste zum Künstler bringen etc. Sobald wieder gestimmt wird, schnell anklopfen – “ready when you are, maestro.” – zweite Probenhälfte läuft, zurück ins Büro. Nach der Probe dasselbe. Ab und zu hole ich noch schnell ein Mittagessen für den Künstler, falls er aufgrund eines Termins (z.B. Radiointerview, Tempobesprechung zwischen Dirigent und Solist, oder Kammermusikprobe) vor der Nachmittagsprobe keine Zeit mehr hat, irgendwo hinzugehen.

 

Das Ganze wiederholt sich bis zum Konzert. Da kommen dann manchmal noch ganz kurzfristige Dinge dazu, die noch schnell eingeschoben werden müssen. Hier ein paar Beispiele von Dingen, die mir beim letzten Konzert kurzfristig Stress verursacht haben: Der Solist fragt kurz vor dem Konzert noch nach zwei Freikarten für Freunde von ihm – also die noch schnell reservieren und an der Abendkasse hinterlegen lassen. Dann beide noch in die Liste einfügen von Leuten, die den Backstage-Bereich betreten dürfen. Und: Der Flug des Dirigenten wurde gecancelt, ich kündige also fix das Taxi zum Flughafen und rufe beim Hotel an, die glücklicherweise noch ein Zimmer für eine Nacht frei haben.

 

Wenn ich Glück habe, kann ich dem Preconcert Talk eine Stunde vor Konzertbeginn zuhören. Einer der Associate Conductors erzählt dort ein paar Infos und Anekdoten zu den Werken des Abends, oft sehr interessant! Meistens werde ich allerdings von oben genannten Beschäftigungen abgehalten. Mit dem deutschen Dirigenten (s.o.) hab ich in der Zeit außerdem lieber ein nettes Gespräch geführt, hat man schließlich auch nicht so oft die Gelegenheit zu. Eine halbe Stunde vor Konzertbeginn verlässt der Associate Conductor hoffentlich pünktlich die Bühne, denn sonst wird das Orchester grantig, das die letzte halbe Stunde gern zum Einspielen auf der Bühne verbringt.

 

Das Licht geht aus, eine freundliche Lautsprecherstimme heißt alle Besucher herzlich willkommen, bittet um das Ausschalten der Handys und dann: Stimmen – Anklopfen – “Ready when you are, maestro.” – Los geht’s! Am liebsten bleibe ich das ganze Konzert über direkt hinter der Bühne und höre zu. Manchmal sitze ich aber auch mit Kollegen im Büro der Personalmanagerin des Orchesters, das sich praktischerweise direkt hinter der Bühne befindet.

 

Falls der Solist nicht von selbst pünktlich aus seiner Garderobe kommt – was die meisten nicht tun – laufe ich schnell hoch und hole ihn. Das Stück mit Solist ist meist das zweite im Programm, noch vor der Pause. Deswegen muss ich das erste Stück timen, um den Solisten pünktlich zu holen und auf die Bühne zu schicken. Spielt er eine Zugabe, frage ich danach schnell nach, was es denn war, sofern ich es nicht erkannt habe. Falls ich später jemandem begegne, der nachfragt. Danach bleibt dem durchgeschwitzten Solisten meist nicht viel Zeit. Draußen ist schon Pause, also nur einmal kurz durchatmen, erste Glückwünsche zum Konzert entgegennehmen, und auf in die Lobby zum Signieren. Ich führe ihn durch die wirren Gänge des Konzerthauses, stehe anschließend wichtig daneben, mache Fotos von ihm und seinen Fans, und hole mir auch manchmal selbst ein Autogramm.

 

Nach der Pause wieder zurück hinter die Bühne. Manchmal zeige ich dem Solisten noch schnell, wo er in den Zuschauerraum kann, um die zweite Konzerthälfte zu hören. Ich bleibe backstage, hole in den letzten fünf Minuten kurz die Blumen aus der kühlen Garage. Beim Applaus warten wir dann alle auf die meine Chefin, die noch im Publikum sitzt und Bilder macht, aber doch in zwei Sekunden die Blumen übergeben soll! Zum Glück kam sie doch immer pünktlich genug, sonst hätten das meine Kollegen oder ich spontan übernehmen müssen.

 

Tja, das war’s dann auch schon. Letzte Glückwünsche, zusammenpacken, Garderoben aufräumen, verabschieden.

 

Klingt jetzt vielleicht nicht super anspruchsvoll, diese Woche, aber man muss so viele Dinge ständig im Kopf haben, selbstbewusst sein, auf alle Fragen eine Antwort wissen … das ist manchmal gar nicht so einfach wie es scheint. Zum Glück habe ich immer noch meine Kollegen dabei, denen ich im Notfall die Fragen einfach weitergeben kann. Für mich allerdings das Schönste: Kontakte knüpfen, beeindruckende Menschen kennen lernen, wundervolle Musik hören – also ich bin angefixt!

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